An solchen Wochenenden,
an denen ich allein zu Hause bin, kommt mein Lebensentwurf schon manchmal ins Wackeln. In meinem Alltag mit dem regelmäßigen, allwöchentlichen Kinderwochenende, seit zwölf Jahren nur in Einzelfällen ausgesetzt, den Arbeitstagen und den Abenden, die mit Musik und Projektgebastel gefüllt sind, entsteht kein Raum für solche Gedanken:
Die Rama - Familie meldet sich plötzlich, blühende Kinder die über blonde Wiesen laufen und ihren Eltern frisch gefangene Brötchen bringen, FrauHausAuto, ich bin dann müde, meine Lebenssituation erklären zu müssen, und leide unter der Distanz zu all den satten und prallen Familienvätern.
Eigentlich bröseln meine eigenen Werte: Worauf ich stolz bin, es geschafft zu haben, auch so, und trotzdem, einfach anders. Übrig bleiben dann die Standardwerte, genaugenommen eigentlich nur der Besitz. Vielleicht wäre es gut, mir klarzumachen, wie aussichtslos es wäre, mich, schuldenlos, beweglich und mit einer Habe, die ich immer noch in einem Siebeneinhalbtonner unterbringen kann, erpressen zu wollen. Ich muß nicht, wenn ich nicht will.
supatyp
klagen ohne zu leiden? kann man irnzwie helfen?
typ.o Besitzerin
Ich würde antworten, wenn ich das Gefühl hätte, Sie nehmen irgend etwas ernst, aber das fällt mir ein bisschen schwer :-)
Deswegen, nett, daß sie fragen, danke, nein.
pappnase Autorin
ich kenne dieses seltsame sinnen über vermeitlich heile welten, aber das dauert nie lange, schnell kommt die tiefe erkenntnis, dass ich trotzdem niemals tauschen will.
blue sky
FrauEinrichtungAuto hatte ich schon (für Haus war da - gottseidank - noch kein Geld). Und wenn mich so Momente der Bilderbuchfamiliensehnsucht erwischen, brauche ich nur kurz an meine Ehe, oder an die vielen Kollegen und Bekannten zu denken, wie's zwischen denen und ihren Angetrauten zugeht, um schnell wieder runterzukommen. Gerade dieses Ideal verschmiert letztlich viel zu lange die Sicht auf das, was gerade wichtiger wäre.
Die gleiche Erleichterung, nach der Trennung diesen ganzen Wohnungskrempel nicht mehr auf dem Rücken zu haben, wieder beweglich zu sein, wie Sie schreiben. Vielleicht werde ich ja noch mal in einer eigenen Familie mit Haus etc. leben (finanziell eher fragwürdig), vielleicht aber auch nicht, die Tatsache selbst ist nicht mehr wichtig. Nur, dass ich nicht mehr richtig zum Alltag meiner Kinder gehöre, tut manchmal in einer Weise weh, die ich nicht einfach wegwischen kann.
typ.o Besitzerin
Ja. In dieser Sondersituation entsteht allerdings auch etwas besonderes, nicht der gemeinsame Alltag, dafür eine Menge an gemeinsamer Zeit mit den Kindern, die in der Ramafamilie vielleicht gar nicht zu haben wäre. Kummer bleibt trotzdem.
blue sky
Sie haben recht, die Qualität der verbrachten Zeit ist eine andere; so hab ich es bislang kaum betrachtet. Danke.
typ.o Besitzerin
Ja, die Mutter meiner Tochter durfte sich jetzt die letzten Jahre mit dem Thema "aufstehen" abkämpfen, und wir sitzen hier um halb drei nach dem Frühstück im Schlafanzug in unserem Rechenzentrum und schicken uns per ICQ mal einen Gruß rüber zwischendurch, und dann gehts ins Kino oder so. Is doch nur gerecht.
Irene
Nach außen so eine Rama-Fassade aufrecht zu erhalten, kostet doch wahnsinnig viel Nerven, und am Ende kriegen es die Kinder ab, wenn gerade keiner hinsieht.
(Ganz schlimm: Ramaväter auf dem Land, die sich in der Kirche wichtig machen. Da schlägt fast jeder seine Kinder.)
ichichich Autorin
Oha? Wissen Sie da genaueres?
Irene
Nein, nix Empirisches, nur persönliche Erinnerungen an eine verdächtige Häufung von Einzelfällen. Hat halt oft einen Grund, wenn jemand am Sonntag vorn dabei sein muss. (Eitelkeit ist der Harmlosere.)
typ.o Besitzerin
Grusel, danke sehr, dann lieber Haidenkind in der Stadt.
phileas Redakteurin
ins Wanken gerät, schmerzt das zwar, aber es zeigt auch, daß da noch Leben drin ist.
Die Rama-Familie ist so steril wie die Supermarktmusik, die dazu geflötet wird.
Das eigene Sein zu hinterfragen ist für mich immer ein ganz wichtiges Privileg gewesen: ein gern genommener mitunter heilsamer Schmerz, der hin und wieder sogar vermeintlich Festgefügtes lockert oder sogar zerstört.
Im Übrigen ist das immer eine Frage der Perspektive: ich als Ramapapa dachte schon soo oft: ach der Herr typ.o, der hat's gut mit seinem Sonntagskind - und montags hat er wieder seine Ruhe.
typ.o Besitzerin
Ich nehme meinen Schmerz heute :-) das gefällt mir ..