typ.o // provisorium

Kurz nach acht in der beginnenden Dämmerung durch die Neubausiedlung zu radeln, die Fernsehschirme (gerne groß, gerne flach) flackern, Autos, einfach unglaubliche Mengen von Autos stehen herum. Ich bekomme es einfach nicht hin, mir so etwas, oder auch nur etwas ähnliches, zu wünschen.

Die Schlehenblüten unterstützen, aus der Ferne gerochen, den Eindruck von Kühle, da ist etwas frisches, fast metallisches dabei. Noch zwei Wochen, dann kommt dieser herrliche Geruch von Verfall, das Parfum der alten Dame, der ich als Zeitungsjunge (das habe ich nur zwei Wochen versucht, und dann entnervt aufgegeben, die Geldeintreiberei hat mich überfordert) die Romana - Heftchen gebracht habe, und die mich mit ihrem radikal geschminkten Mund immer so merkwürdig angelächelt hat.

Völlige Unaufgeregtheit. Die Freude der Tochter. Diese mehrfach überstrichenen, reparierten, geflickten Hindernisse.

Einer hat dran gedacht!

Daß Typ.o jetzt zwei Jahre im Netz ist, und hat ein Geschenkchen eingepackt, das ich natürlich sofort aufgerissen habe! Vielen Dank, Herr Rick!

Überhaupt: Unternehmer

Im Bäckerladen im Neubaugebiet Messeplatz roch es noch nach dem Kleber für den Bodenbelag. Plötzliche Rührung angesichts dieser Neueröffnung, keine Franchisekette, sondern ungelenk plazierte Zeitungsständer, und ein paar Frühstücksutensilien im Regal, lange lagerfähig, also kein Risiko. Die verraucht aussehende Verkäuferin hatte die vorgeschriebene gelbweiße Schürze um, und wirkte niedlich unsicher und bemüht. Die Brötchen waren sehr gut.

Besuch im alten Garten.. wie klein die Bäume geworden wären, meinte die Tochter.. Ein wenig schmerzen immer noch die alten Wurzeln, die da im Boden stecken (Meine und ihre). Die Gefühle von damals passen nicht mehr zum Leben heute.

Es ist schon bedeutsam für mich, daß solche Orte, wie jetzt auch der Hof dort bei Bremen, so eindeutig das Gefühl von Authentizität, vom identisch sein mit sich selbst hervorrufen.

Heute: etwas fehlt.

Schwindendes Licht, die Luft wird ein wenig feuchter und die Gerüche etwas stärker. Die letzten Minuten sind kostbar, auf Abruf. Jetzt gibt es keinen Streit mehr, an seltenen Tagen ein Gespäch, die Zungen durch die Dämmerung gelockert, jetzt kann man auch ansprechen, was bei Sonnenlicht nicht geht.

Jaa, komm,

laß uns die engen, dünnen Hosen über die Hüften streifen, und dann ziehen wir in die milde Nacht, rollig, die Nasenflügel bewegen sich bei jedem Atemzug ein wenig mehr als nötig, welch eine Hitze wir alle von uns geben! (Oder ach, vielleicht ein Glas Wein, und dann bald schlafen, heute allein, ich wäre sowieso zu müde)

Der Kollege

mit den bis aufs Fleisch abgenagten Fingernägeln, dem ich im Gespräch gerne die Hand auf seine Hand legen wollen würde, damit er sich in Ruhe läßt. Immer fröhlich und kommunikativ, ein Flüchtender.

Drei Stunden

Rage - against - the - Machine - gestütztes Putzen, die Hasenkeulen schmurgeln ihrer Vereinigung mit frischen Spätzle und Rotkohl entgegen, jetzt noch schnell mit Claire Fischer in die Wanne (Gut daß es in diesem elenden Nordhessen so viel regnet, sonst würde mein verkrüppeltes Ökogewissen dann doch noch anschlagen), so bringen wir diesen Sonntag angenehm ohne jeden Außenkontakt fein zu Ende. Reden muß ich morgen wieder. Vorher aber noch schnell die Dame anrufen, die darf immer.

Am offenen Fenster

mit Wolldecke in der Sonne, wie ein Patient in der Lungenklinik. Sofort tief eingeschlafen, beim Aufwachen die eindeutige Empfindung eines Herbstnachmittages aus dem Schlaf mitgenommen, die leichte Kühle in der Luft, Erdgeruch. Beschlossen, sich wieder, diesen Frühling, ganz besonders, den elementaren Sinneseindrücken zuzuwenden. Notier er das, Eckermann.

Äh, dings

"Mit Alzheimer wir man im Alter bestenfalls nied- und trottelich"

Mühelose Gratis - Lautstärke: So gehts!

Gerne liege ich ja in der Wanne und brumme. Mit dem tiefsten Ton beginnend und langsam ansteigend. Plötzlich komme ich dann in den Genuß völlig müheloser Gratis - Lautstärke durch Resonanzüberhöhung in meinem akustisch hervorragend dafür geeigneten schwarz gekachelten Siebziger - Jahre Bad. Dann schaukle ich noch vorsichtig ein Halbtönchen rauf und runter, um die Güte dieses Resonanzkreises auszuloten. Kombiniert mit Claire Fischers Graipefruit - Ingwer Aromabadezusatz ist das ein tadelloser Sonnenstrahl im trübsten Bloggerleben.

Wir tun was!

Ein Pflastermaler in der Bahnhofshalle im Auftrag der Telekom. Ich denke an Bilder von Sandwichmans mit selbstgemalten Reklameschildern für Geschäfte, ich denke an teure Handarbeit, anscheinend wieder bezahlbar, ich denke an die analoge Anmutung einer Kreidezeichnung für stofflose Kommunikationsdienstleistungen.

Edda

Schön wäre es, wenn man im Buchladen stehen könnte, und der Soldat in Tarnkleidung neben einem kauft sich ein Exemplar der Edda, und man denkt sich, "Oh, da interessiert sich jemand für Geschichte". Das denkt man aber nicht.

Am Bahnhof

bediente mich heute eine blonde Königin mit Elbenschmuck im Ausschnitt der Bahnuniform. Als ich so gar nicht das hormongepeitschte Männchen geben wollte, sondern ungerührt auf der günstigsten Fahrkarte beharrte, war erst eine merkwürdige Irritation zu spüren, dann wurde ein Schalter umgelegt, und das Verhalten änderte sich ganz eigentümlich. Dieses sonst ungerührte Vertrauen auf die eigene Signalwirkung, holla, ein Riß!

Ich bin nicht der Dumme, die Anderen sind der Dumme!

Heute morgen auf dem Weg zur Arbeit kommt mir Herr K. entgegen, mir seit Jahren bekannt als jemand, der in allen möglichen Politgruppen mitgemischt hat, ein extremes Mitteilungsbedürfnis besitzt, und irgendwie immer der war, der dann am Schluß übrig blieb. "Ich bin nicht der Dumme, die Anderen sind der Dumme!", traurig, wirr.

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